Der Künstler begann mit Reliefs und Stelen in Holz, einem Material, dem er, neben Skulpturen - vornehmlich in Alabaster - bis heute treu geblieben ist. Das bevorzugte Material ist neben Pappel, Birnbaum, Arve, Mahagoni, Eiche, Fichte und Ahorn vor allem Linde. Diese Vielfalt der Wahl deutet auf eine tiefe Kennerschaft des Werkstoffs und seiner spezifischen Eigenschaften hin. Sie belegt ein subtiles Eingehen des Künstlers auf die natürlichen Wesensmerkmale des Materials die den Werdegang und die Physiognomie des endgültigen Werks mitbestimmten. Es ist nicht der laute Kampf um die Beherrschung einer widerspenstigen Materie, sondern das aufmerksam liebevolle Ein- und Mitgehen des artifex auf die von der Natur vorgegebenen Koordinaten die in der Maserung, der Verwachsungen und Knoten. Sie werden nicht getilgt, sondern vielmehr in die spielerische Gestaltung miteinbezogen.
Am Ende ist von der langwierigen handwerklichen Arbeit nicht mehr viel zu spüren, sehr viel hingegen von der schöpferischen Intuition: das Objekt steht vor dem Betrachter als eine von Aussagen erfüllte Einheit, deren Harmonien dem schauenden Partner entgegenklingen.
Verspürt der Betrachter somit das behutsame, doch vitale Mitschwingen von „ Urlauten “, so rührt seine Sensibilität an etwas wie das Mysterium einer dreidimensional komponierten Musik. Die tonalen Aspekte dieser Werke, haben daher viel mit Klängen zu tun. Der Künstler trägt die entsprechenden Akkorde, im Schaffensprozess selbst wohl unbewusst,( obwohl ihm Musik als tägliche Nahrung dient), an den Tag: zu Auge und Ohr zugleich. Sie werden von ihm in eine nur ihm eigene Notation eingebunden, mit einer linearen persönlichen Melodik belegt und so zu neuen Schwingungen angeregt.
Während die Stelen und Kugelplastiken den Betrachter ermuntern, um sie herumzugehen, Abstand zu nehmen, und sich wieder zu nähern , so fordern die Reliefs zu einem anderen Verhalten auf. Er verharrt an einem Standort, den Augenhöhe und Ansicht vorgeben. Man steht wie vor einem Bild. Geringste Bewegungen der Augen und somit des Blickwinkels öffnen den Zugang zu dem mit dem Spiel von Licht und Schatten räumlich gestalteten, nach den Seiten hin begrenzten Flächen.
Eine unerwartete Dimension verleiht Brütsch jenen Plastiken - primär in Holz geschnitten und von aussen nach innen wachsend - die in einem zweiten Arbeitsgang in Bronze gegossen werden. Traditionsgemäss liegen Güssen Modelle in Gips, Lehm oder Wachs vor. Sie werden durch Hinzufügen von Materie geformt, von innen nach aussen; also durch die Addition von Stoff um einen zentralen Kern. Bei Friedrich Brütsch ergeben sich in der Prozessumkehr somit neue Spannungsfelder. Kopierten einst die Römer in Marmor griechische Bronzebildwerke, so geht hier der Künstler den entgegengesetzten Weg: nur wird bei ihm nicht aus zweiter Hand abgeschwächt, sondern aus erster Hand potenziert.
Zum Werk von Walter Friedrich Brütsch ( von Florens Deuchler)